Ein Interview mit Prof. Dr. Daniel Mark Eberhard
Leiter des Studiengangs „Inklusive Musikpädagogik / Community Music“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Seit 2009 ist in der UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf „Inklusion“ verankert. Dazu zählt unter anderem der verpflichtende Abbau gesellschaftlicher Barrieren für geflüchtete Menschen. Auf Seiten der Institutionen ist bisher wenig passiert, um dieses Grundrecht zu gewährleisten. Die vielen ehrenamtlichen Initiativen und Projekte, die in den letzten Jahren entstanden sind, spiegeln das wider. Ab Oktober 2017 startet unter Leitung von Prof. Dr. Daniel Mark Eberhard nun der erste Studiengang, der sich mit diesem hochaktuellen Thema auf musikalischer Ebene befasst.

Das Interview zum Anhören:

 

Herr Prof. Dr. Eberhard, Sie leiten ab dem kommenden Wintersemester den neuen Masterstudiengang „Inklusive Musikpädagogik / Community Music“ an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Der Studiengang setzt sich speziell mit Themen der musikalischen Flüchtlingsarbeit auseinander. Was ist das Ziel?

Ziel des Studiengangs ist es, speziell in Verbindung mit der Flüchtlingsarbeit, Musikpädagogen dahingehend zu professionalisieren, dass sie mit heterogenen Gruppen umgehen können. Wir haben in Deutschland zwar eine Vielzahl musikalischer Studiengänge, allerdings sind wir die Ersten, die jetzt bewusst den Aspekt der Diversität und Heterogenität ins Zentrum rücken. Die Musikpädagogen sollen, sowohl auf wissenschaftlicher, pädagogischer und berufsspezifischer Ebene lernen, mit aktuellen Erfordernissen in der Gesellschaft umzugehen.

Auf diesen Aspekt bezieht sich ja auch das Leitbild des Studiengangs. Auf der Website steht: „Menschen  sollen in ihrer Vielfalt und Differenz geschätzt und anerkannt werden.“ Das klingt zunächst einmal sehr unterstützenswert. Auf der anderen Seite könnte so ein Satz auch in einem Pädagogik-Lehrbuch stehen und ist sehr theoretisch. Wie können konkrete Konzepte aussehen, um Flüchtlingen mit Musik zu helfen?

Flüchtlinge oder geflüchtete Menschen unterscheiden sich vornehmlich dadurch, dass sie zum einen aus anderen Kulturen stammen und zum anderen oft heftige soziale oder emotionale Erfahrungen mitbringen, die bis zu einem starken Trauma reichen können. Insofern müssen sich Konzepte immer daran orientieren, was diese Menschen individuell mitbringen – an Erfahrungen, Möglichkeiten, Dispositionen und Interessen. Dazu beziehen wir Methoden aus der Musikpädagogik und -therapie mit ein. Anstelle eines „Top Down“-Prinzips , das auf die amorphe Gruppe der Geflüchteten übergestülpt wird, sollte es eher ein „Bottom Up“-Prinzip sein. Wir sehen uns zunächst die Teilnehmer, auch in unseren Kursen, ganz genau an und versuchen sie dann auf den individualisierten Umgang mit den Menschen vorzubereiten.

Das „Zentrum für Flucht und Migration“ ist ebenfalls an der Universität beheimatet. Dort wird unter anderem zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) von Flüchtlingen geforscht. Inwieweit finden die empirischen Ergebnisse Eingang in Ihre Konzepte und Methoden?

Wir beziehen unsere Expertise zunächst mal aus unseren eigenen Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Zielgruppen. Was wir mit dem Studiengang beabsichtigen, ist eine Kombination der wissenschaftlichen Diskurse und Erkenntnisse im Feld der Inklusion mit den vielfältigen Praxiserfahrungen der Community Music. Wir versuchen da ein Gesamtkonzept zu stricken, das auch auf Flüchtlingsarbeit beziehbar ist, aber auch auf andere Fälle von Heterogenität.

Wo sehen Sie da die Möglichkeiten mit Musik einen Beitrag in der Flüchtlingsarbeit zu leisten und wo sind die Grenzen?

Die Möglichkeiten werden immer wieder in Projekten illustriert, die Titel tragen wie „Musik verbindet“ oder „Musik ist eine Sprache“. Da gibt es durchaus überzeugende Praxisbeispiele, in denen gezeigt wird, dass Menschen verschiedener Herkunft eine gemeinsame musikalische Sprache finden, indem sie miteinander musizieren. Es ist aber kein Automatismus und da liegen gleichzeitig auch die Grenzen. Mir sind Flüchtlingsinitiativen bekannt, beispielsweise Chorarbeit, bei denen als Einstiegssong „What shall wie do with the drunken sailor“ einstudiert wird. Das ist sicher gut gemeint, im Sinne eines internationalen Lieds, das alle kennen. Was aber nicht bedacht wurde, ist die Tatsache, dass so ein Lied Erinnerungen an Mittelmeerüberfahrten hervorruft, bei denen Menschen in überfüllten Booten gestorben sind. Insofern ist hier eine besondere Sensibilität notwendig. Das wirft grundsätzliche Fragen auf, hinsichtlich der Professionalität, der Inhalte und der Methodik dieser Maßnahmen. Im Fokus muss letztlich die Überlegung stehen, welches Ziel ich mit meinem Angebot verfolge und wie ich das erreichen kann. Die Grenzen und Potentiale der musikalischen Flüchtlingsarbeit liegen daher genau auf diesem schmalen Grad zwischen Möglichem und gut Gemeintem, aber letztlich schlecht Gemachtem.

Wie stehen Sie denn generell zu ehrenamtlichen Projekten? Es gibt ja viele Musikpädagogen, die ohne eine spezielle Ausbildung, mit Flüchtlingen arbeiten. Ich habe für mein Projekt beispielsweise mit einem jungen Syrer gesprochen, der in seiner Unterkunft ehrenamtlich Gitarrenunterricht bekommen hat. Ihm hat dieses Angebot sehr geholfen, aus einem Zustand der Depression heraus zu kommen. Die Musik hat ihn motiviert und aus diesem emotionalen Loch heraus gehievt.

Grundsätzlich ist es toll, was da in Bewegung gekommen ist. Das Meiste davon ist sicher auch gut gelaufen. Durch die Auflösung der Auffanglager geht der Trend jetzt eher weg von diesen Einzelinitiativen, hin zu Dauerprogrammen. Vorwiegend sind diese im Feld der Schulen angesiedelt und stark am Sprach-Lernen orientiert. Diese Dinge, die sie ansprechen, sind als Begleitmaßnahmen sehr wichtig, denke ich. Andererseits kommt es auch da darauf an, ob das letztlich zielführend und motivierend gemacht ist oder nicht. Ich möchte keinem Ehrenamtlichen oder Nicht-Professionellen absprechen, dass er das genauso gut hinkriegen kann, aber eine generelle Wertung traue ich mir da nicht zu.

Was denken Sie, ist für die Entwicklung in Zukunft wichtig? Sind die Defizite derzeit mehr im Bereich der Forschung oder bei der Ausbildung zu finden?

Was wir momentan erleben, ist ein starker Praxis-Hype. Es gibt die eben angesprochenen Einzelinitiativen, aber natürlich auch Dauerprogramme. Letztere fußen auf bestimmten Bildungsüberzeugungen wie „Musik hilft bei der Überwindung von Grenzen“ oder „Musik hilft bei der Überwindung von Traumata“. Die empirische Forschungslage hierzu ist zum Teil allerdings dürftig. Es gibt erst recht keine eigene Musikpädagogik für Geflüchtete. Insofern meine ich schon, dass es eine Aufgabe in den nächsten Jahren sein muss, sich diese Initiativen hinsichtlich ihrer Wirkungen, Absichten, Inhalte und Methoden genauer anzuschauen und auch durch Vorher/Nachher-Befragungen und unter Einbezug der geflüchteten Menschen über die reine Behauptung hinaus zu einer empirischen Datenbasis zu kommen. Diese Ergebnisse ermöglichen überhaupt erst Aussagen darüber, ob die jeweiligen Maßnahmen erfolgreich waren oder nicht, oder vielleicht sogar in die andere Richtung gewirkt haben.

Wir haben jetzt schon über die Forschung gesprochen und auch schon über das, was Pädagogen leisten und welche Ausbildung Sie erfahren müssen. Worüber wir noch nicht gesprochen haben, sind die Flüchtlinge selbst. Was ist Ihrer Meinung nach von Seiten der Geflüchteten wichtig, damit musikpädagogische Arbeit erfolgreich sein kann?

In unterschiedlichen Kulturen sind unterschiedliche Werte und Handlungsroutinen Alltag. Die sind zum Teil sehr schwer vereinbar mit dem, was man in Deutschland in Hinblick auf Pünktlichkeit, oder das Einhalten von Regeln gewohnt ist. Von Seiten der Flüchtlinge ist es zunächst einmal sehr schwierig, sich über das Erlebte hinaus an solche Strukturen anzupassen. Allerdings möchte ich auch erwähnen, dass ich die Aufgabe in diesem Fall weniger bei den Flüchtlingen sehe, als vielmehr bei den Institutionen, die sich 2009 durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet haben. Die Inklusion unterscheidet sich insofern zentral von der Integration, als sie stärker von den Strukturen, den Kulturen und den Praktiken ausgeht, nicht aber so sehr von dem defizitär betrachteten Menschen, dem Flüchtling in diesem Fall. Auf dieser Ebene sind in den nächsten Jahren und Jahrzehnten große Änderungen notwendig. Darüber hinaus gibt es aber auch Anteile der Geflüchteten selbst, zum Beispiel eine bestimmte Motivation und Volition, hier überhaupt Fuß zu fassen. Außerdem bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie im Laufe der Jahre durch Unterstützung erwerben müssen.

Dann hoffe ich, dass Sie mit dem neuen Studiengang „Inklusive Musikpädagogik – Community Music“ einen Beitrag dazu leisten können. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Dr. Eberhard.

Vielen Dank.

 

Prof. Dr. Daniel Mark Eberhard ist 1976 in Isny geboren. Er arbeitet seit 2015 als Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zuvor war er als Lehrbeauftragter an der Universität Augsburg und als Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin tätig. Neben seiner Professur, Leitet er unter anderem Workshops zum Thema „Inklusiver Musikunterricht“ und ist professioneller Musiker.

Foto: Constantin Schulte Strathaus