Musikstipendien für Flüchtlingskinder
Eine Reportage in Text und Ton

Musikunterricht ist eine kostspielige Angelegenheit. Erst recht für Geflüchtete, die meist ohne viel Besitz nach Deutschland kommen. Geförderte Maßnahmen bleiben meist auf den Spracherwerb beschränkt. Angebote, die individuelle Interessen fördern, gibt es zu wenig – das dachten sich jedenfalls Katja und Konrad Bihler. Die beiden Musiker der Augsburger Philharmoniker vergeben darum Musikstipendien an Flüchtlingskinder und unterrichten sie ehrenamtlich in ihrer Musikschule.


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Unbedingtes Engagement

Mit ihren zarten Fingerkuppen streicht Joana über die feine Holzmaserung. Die dünnen Arme umschlingen den Hals ihres Cellos, während sie ihren Kopf vorsichtig auf dem Korpus ablegt. Damit die Strähnen beim Spielen nicht stören, hat sie sich das lange, schwarze Haar zu einem Zopf gebunden. Hochkonzentriert blickt das zehnjährige Mädchen auf das Instrument ihres Lehrers vor sich. Jede seiner Handbewegungen wird genau erfasst. Konrad Bihler zeigt der jungen Syrerin eine Aufwärm-Übung, damit sie nicht so schnell verkrampft beim Spielen. Das sei wichtig, besonders wenn die Musikerkarriere noch buchstäblich in den Kinderschuhen steckt. Seit letztem Jahr unterrichtet der Augsburger Philharmoniker mit seiner Frau Katja ehrenamtlich Flüchtlingskinder, wie Joana.  „Wir wollten uns unbedingt engagieren und haben überlegt, am Besten etwas zu machen, wofür wir sowieso schon Spezialisten sind.“, sagt Katja Bihler und streicht sich ihr braunes Haar aus dem Gesicht. „Dann hatten wir die Idee, Kindern aus Flüchtlingsgebieten, die hier in eine ganz fremde Welt kommen, die Möglichkeit zu bieten, ein Instrument zu lernen.“

Leihinstrumente für einen Euro

Eigentlich würde dieser Musikunterricht viel Geld kosten, ganz zu schweigen vom Cello selbst. Nur durch tatkräftige Unterstützung von Kollegen, konnte das Ehepaar dieses Projekt auf die Beine stellen: Ein befreundeter Geigenbauer vermietet die Instrumente, für einen symbolischen Preis von einem Euro pro Monat. Und da die Nachfrage mittlerweile so groß ist, haben bereits andere Musiklehrer in Augsburg ihre Mitarbeit angeboten, sagt Konrad Bihler: „Ich war wirklich überwältigt von der regen Beteiligung – sowohl auf Seiten der Musiker, als auch bei den Flüchtlingen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.“

Cello mit Leidenschaft

Konrad Bihler beim Unterricht in seiner Musikschule.

Joana sitzt heute erst zum fünften Mal auf dem schwarzlackierten Holzschemel der kleinen Musikschule in der Augsburger Innenstadt. Die zehnjährige Joana ist mit ihrer Familie vor dem IS geflohen, aus der nordsyrischen Stadt Kobane, bis nach Bayern. Am Anfang war ihr alles fremd. Freizeitaktivitäten gab es kaum – bis sie eine Sozialarbeiterin auf das Projekt aufmerksam machte. Ihre Leidenschaft für Musik ist bereits groß:  „Ich liebe Cello! Es macht mir sehr viel Spaß und ich möchte unbedingt weiterlernen.“, schwärmt die junge Syrerin mit glänzenden Augen, während ihre Finger den Steg des Instruments umklammern, als wäre es die Reling eines schwankenden Schiffes.

Konrad Bihler betrachtet Joanas Klammergriff skeptisch und positioniert ihre Finger vorsichtig auf dem Griffbrett: „Wichtig ist, dass du ganz locker bleibst beim Spielen.“ Etwas zaghaft und verkrampft zugleich führt die Zehnjährige den Bogen über die Saiten, als könnten sie jeden Moment reißen. „Das ist so schwierig. Ich finde, alle machen die Ohren zu, wenn ich spiele.“, lacht Joana. Wenn dann doch ein richtiger Ton erklingt, strahlen die Augen des jungen Mädchens vor Glück.

Musik zur Selbstentfaltung

Individuelle Stärken und Talente zu fördern, ist für jedes Kind wichtig, „doch Freizeitangebote für Flüchtlingskinder wie Joana gibt es bisher viel zu wenig“, sagt Cellist Konrad Bihler. Er wandte sich deshalb mit seiner Frau an den Verein „Bürger helfen Bürgern“ und bot an, geflüchtete Kinder ehrenamtlich zu unterrichten. Joana wollte gleich mitmachen. Täglich übt sie auf dem Instrument – was manchmal gar nicht so einfach ist, wie ihr Cellolehrer weiß: „Im Vergleich zu anderen Schülerinnen, hat sie natürlich das Problem, dass bei ihr zu Hause immer Highlife ist.“ Das ist manchmal gar nicht so einfach für sie, sich etwas Ruhe zu verschaffen. „Umso wichtiger ist es für sie, dass sie nun etwas gefunden hat, indem sie sich selbst entfalten kann. Für Joana ist das Cello jetzt quasi das Wichtigste in ihrem Leben und sie konzentriert sich sehr darauf.“, sagt Konrad Bihler.
Joanas Spielfreude motiviert den Cellisten mit dem Projekt weiterzumachen, auch wenn es manchmal schwierig ist und Nerven kostet. Die Kommunikation läuft oft nur mit Gesten und Mimik, denn Joana beherrscht die deutsche Sprache noch nicht so gut. Das macht einen intensiven Musikunterricht manchmal schwierig.

Das innere Asyl

Der Blick in die strahlenden Augen des Kindes sei für ihn jedoch die Bestätigung dafür, dass er den richtigen Schritt gegangen ist. Das Cello gibt der jungen Syrerin die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und sich allein einer Sache intensiv zu widmen. Artikulation durch die eigene Musik: „Das kann sehr wichtig sein, um den Verlust ihrer Heimat und die Fluchterlebnisse zu verarbeiten.“ sagt der Cellist. So werde überhaupt erst die Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe geschaffen.
„Das Zusammenspiel im Orchester ist dann der nächste Schritt.“ ergänzt Ehefrau Katja. Bis dahin hat Joana in der Musik eine persönliche Zuflucht im Exil gefunden, das innere Asyl sozusagen – dank engagierten Musikern wie Konrad und Katja Bihler.